Protest: Urteil gegen Medizinstudenten vor Bielefelder Amtsgericht unsachgemäß

Kategorie: Hochschulpolitik

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Das am 22. Oktober diesen Jahres vom Amtsgericht Bielefeld gegen einen unserer Kommilitonen gesprochene Urteil, sowie die Darstellung der betreuenden Klinik sind unsachgemäß und werden dem medizinischen Alltag, zu dem auch die Ausbildung von neuen Ärztinnen und Ärzten gehört, nicht gerecht.
Im August 2011 absolvierte der betroffene Student einen Teil seines Praktischen Jahres (PJ) in der Kinderheilkunde des Evangelischen Krankenhauses Bielefeld. Im konkreten Fall wurde vom betroffenen Studenten ein Medikament zur oralen Einnahme fälschlicherweise in eine Vene gespritzt. Das Praktische Jahr bildet die letzten beiden Semester unserer sechsjährigen Ausbildung. Studierende im Praktischen Jahr haben mindestens 3 Monate Erfahrung in der Pflege und fast 7 Monate in der Behandlung von Patienten. Dennoch befinden sich Studierende im Praktischen Jahr noch in der Ausbildung und erlernen in dieser Zeit praktische Fähigkeiten “entsprechend ihrem Ausbildungsstand unter Anleitung, Aufsicht und Verantwortung des ausbildenden Arztes” (§3 Ärztliche Approbationsordnung).

Es kann also keine alleinige Schuld bei dem auszubildenden Studenten gesucht werden. Selbst im Prozess konnte nicht geklärt werden, wie die tatsächliche Lage bezüglich der Delegation von Aufgaben im konkreten Fall war, da die Aussage des Studenten gegen die einer beteiligten Pflegekraft stand. Außerdem waren im Evangelischen Krankenhaus Bielefeld bis zu diesem Vorfall die Spritzen, in denen oral zu verabreichende Medikamente ausgegeben wurden, exakt identisch mit denen zur Injektion in eine Vene. Allein die Tatsache, dass das Haus dieses System am Tag nach dem Ereignis umgestellt hat, zeigt deutlich, dass zumindest ein Teil der Schuld den organisatorischen Umständen zuzuschreiben ist.

Dieser Sachverhalt fand im Prozess keine Beachtung. Stattdessen wurden vom Geschäftsführer des Krankenhauses öffentlichkeitswirksam Spritzen mit und ohne Nadel präsentiert, die man gar nicht verwechseln könne. Nicht einbezogen wurde dabei allerdings, dass die Medikamentengabe bei dem Säugling durch einen bereits vorhandenen Zugang erfolgte, für den grundsätzlich keine Nadel benötigt wird. Dieses Urteil wird einerseits die berufliche Zukunft des betroffenen Studenten massiv beeinflussen, kann aber andererseits auch, sollte es als Präzedenzurteil angesehen werden, große Auswirkungen auf die Umstände der ärztlichen Ausbildung haben. Daher fordern wir eine sachliche und differenzierte juristische Aufarbeitung und Urteilsfindung.

Eine selbstständige Arbeitsweise der Studierenden wird im praktischen Jahr vorausgesetzt. Häufig werden Aufgaben, die keinem Lehrzweck dienen sondern lediglich Arbeit abnehmen – wie z.B. das Blutabnehmen – von den Studierenden im PJ erwartet. Welche Tätigkeiten zum Aufgabenfeld eines PJlers gehören variiert stark. Es existiert jedoch kein eindeutiges offizielles Dokument, welches Auskunft über diese gibt. Uns als Studierenden bleibt bei Bestehenbleiben dieses Urteils also lediglich die Möglichkeit, jede potentiell patientenschädigende Maßnahme zu verweigern. Es liegt in der Natur der Sache, dass nahezu jede Behandlung in der Medizin einem Patienten schaden kann. Wenn jeder Student uneingeschränkt für jeden Fehler die volle Verantwortung tragen muss – selbst wenn dieser den organisatorischen Umständen oder einer anderen Person geschuldet ist – wird kein Studierender bereit sein, ohne explizite Anweisung des Arztes und ohne klare Dokumentation derselben eine Aufgabe zu übernehmen. Eine Bitte des Krankenpflegepersonals – beispielsweise einen venösen Zugang zu legen, wie sie jeden Tag auf den Stationen jedes Krankenhauses vorkommt – müsste abgelehnt werden, da es sich nicht um eine offizielle Aufforderung durch einen betreuenden Arzt handelt. Weil wir jedoch nach Ende unserer Ausbildung diese Fertigkeiten einwandfrei und selbstständig beherrschen müssen, ist jeder Studierende darauf angewiesen, diese während seiner praktischen Ausbildung unter Anleitung zu erlernen.
Wir möchten uns an dieser Stelle ausdrücklich mit unserem Kommilitonen solidarisieren und kritisieren die teilweise unsachgemäße Darstellung in den Medien. Wir fordern: In einer möglichen Berufung muss ein gerechtes und sachliches Verfahren gewährleistet sein. Die praktische Ausbildung muss im Medizinstudium einen großen Stellenwert einnehmen und darf auf keinen Fall unter diesem Urteil leiden.

Foto Michael Coghlan http://www.flickr.com/photos/mikecogh/