Welche Pille schluckst du?

Kategorie: Hochschulpolitik

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Rote oder blaue Pille?

Professor G. Rinnung* hält eine Vorlesung über Gerinnungshemmung*. Er ist nicht am UKM tätig, sondern Chief Medical Officer bei WindPharm*, einem Pharmaunternehmen, das unter anderem den Gerinnungshemmer Coagurest* verkauft. Die Folie mit dessen möglichen unerwünschten Wirkungen überspringt er. Und die Klinik, für welche er die Vorlesung hält, bekommt von WindPharm finanzielle Unterstützung für eine Studie – Forschungsgegenstand: eben jenes Coagurest*.

* Namen und Vorlesungsthema fiktiv, Ereignisse real.

Schreibt uns eure Erfahrungen und Meinungen zu dem Thema: per Mail oder bei Facebook!

Die Studierendenvertreter im Fachbereichsrat bringen zur nächsten Sitzung am 16. April einen Antrag ein, der sich mit dem Thema „Interessenkonflikte in der Lehre“ befasst.

Die Hintergründe und warum euch das sehr direkt betrifft, erfahrt ihr hier.

Was sind überhaupt „Interessenkonflikte“?

Ein Dozent hält eine Vorlesung, in der eine medikamentöse Therapieoption beschrieben wird. Sein primäres Interesse ist eine gute, evidenzbasierte Lehre. Gleichzeitig erhält er vom Hersteller des Medikaments finanzielle Unterstützung („Drittmittel“) für eine wissenschaftliche Studie. Diese Abhängigkeit kann sich potenziell auf seine Lehre auswirken. Interessenkonflikte können aber nicht nur materieller Natur sein – unter anderem können auch politische Interessen oder persönliche Beziehungen die Ursache sein.

Die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) hat das wie folgt formuliert:

„Interessenkonflikte sind definiert als Gegebenheiten, die ein Risiko dafür schaffen, dass professionelles Urteilsvermögen oder Handeln, welches sich auf ein primäres Interesse beziehen, durch ein sekundäres Interesse unangemessen beeinflusst werden.“1

Was wir fordern

Dozenten sollen zu Beginn von Lehrveranstaltungen Interessenkonflikte in Bezug auf Inhalte der Lehrveranstaltung offenlegen, wie es in wissenschaftlichen Publikationen bereits gang und gäbe ist. Dies sollte idealerweise in Form einer zweiten Folie in der Präsentation geschehen.

Antrag im Original als Download

Ist das ein reales Problem?

Ja. Wir reagieren mit unserem Antrag auf Anmerkungen von Studierenden, die in Vorlesungen auf solche Interessenkonflikte aufmerksam geworden sind. Das einleitende Beispiel zu Beginn dieses Artikels ist nicht fiktiv, auch wenn wir Namen und Thema der Vorlesung verändert haben.  Interessenkonflikte sind häufig, werden aber praktisch genauso häufig nicht bemerkt.

Ein Konflikt kann vorliegen, unabhängig davon ob sich der/die Betroffene beeinflusst fühlt oder nicht. Das heißt unter anderem:

  • Interessenkonflikte sind nicht das Resultat einer bewussten unethischen Entscheidung.

  • Sie sind demzufolge auch nicht abhängig von der Größe einer Drittmittelunterstützung oder eines Pharmavertreter-Geschenks – auch vermeintliche „Kleinigkeiten“ können einen Interessenkonflikt darstellen, welcher unterbewusst Auswirkungen auf die „primären Interessen“ haben kann (aber nicht muss).

  • Interessenkonflikte werden von Betroffenen oft überhaupt nicht wahrgenommen: In Studien waren die meisten Ärzte der Meinung, dass sie beispielsweise durch Geschenke von Pharmavertretern nicht in ihrem professionellen Handeln beeinflusst werden. Gleichzeitig schätzten sie, dass viele ihrer Kollegen anfällig für solche Einflüsse sind.2,3

Eine schöne Zusammenfassung  für alle weitergehend Interessierten liefern Jason Dana und George Loewenstein.4

Unser gutes Recht, unsere gute Pflicht

Wir finden: Es ist unser Recht, in Lehrveranstaltungen zu wissen, ob die Aussagen des Dozenten durch andere Interessen beeinflusst sein könnten. Ein Dozent, der seine Interessenkonflikte offenlegt, zeigt dadurch, dass er seine hohe Verantwortung für eine evidenzbasierte Lehre ernst nimmt.

Genauso müssen wir uns klar machen, dass Pharma- und Medizinprodukteindustrie verständliche kommerzielle Interessen haben, unsere künftigen Therapieentscheidungen zu beeinflussen; möglicherweise ohne dass uns dies überhaupt bewusst wird. Das steht unserem Anspruch entgegen, jedem Patienten die bestmögliche evidenzbasierte Behandlung zukommen zu lassen. Für diesen Konflikt sensibilisiert zu sein könnte eine der wichtigsten Fähigkeiten sein, die man aus dem Studium mitnehmen sollte.

Schreibt uns eure Erfahrungen und Meinungen zu dem Thema: per Mail oder bei Facebook!  Über das Ergebnis unseres Antrags im Fachbereichsrat halten wir euch natürlich auf dem Laufenden.

Quellen: Der Artikel verweist auf einige Studien und Fachartikel. Den Volltext der verlinkten Artikel könnt ihr abrufen, wenn ihr euch im Netzwerk der Universität befindet oder über den VPN-Tunnel des ZIV darauf zugreift.

  1. http://www.egms.de/static/en/journals/awmf/2010-7/awmf000206.shtml []
  2. Steinman MA, Shlipak MG, McPhee SJ. Of principles and pens: attitudes and practices of medicine housestaff toward pharmaceutical industry promotions. Am J Med. 2001 May;110(7):551-7 []
  3. McKinney WP, Schiedermayer DL, Lurie N, Simpson DE, Goodman JL, Rich EC. Attitudes of internal medicine faculty and residents toward professional interaction with pharmaceutical sales representatives. JAMA. 1990 Oct 3;264(13):1693-7 []
  4. Dana J, Loewenstein G. A social science perspective on gifts to physicians from industry. JAMA. 2003 Jul 9;290(2):252-5 []