FBR-Antrag „Interessenkonflikte in der Lehre“ abgelehnt

Kategorie: Hochschulpolitik

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Der Antrag der Studierendenvertreter, Dozenten eine Offenlegung von Interessenkonflikten in Lehrveranstaltungen zu empfehlen, ist am Dienstag im Fachbereichsrat (FBR) abgelehnt worden.

Den Antrag hatten wir bereits in der April-Sitzung des Fachbereichsrats eingebracht – damals noch als Verpflichtung formuliert. Die Entscheidung darüber wurde jedoch vertagt, um eine juristische Beurteilung einzuholen. Diese ergab:

„[…] dass der Fachbereichsrat [und auch der Senat der Universität, Anm. d. Fachschaft] keine rechtliche Befugnis hat, Lehrende zur Offenlegung von Interessenkonflikten zu verpflichten.“

Aufgrund dessen hatten wir unsere Forderung abgeschwächt: Statt der Verpflichtung sollte der Fachbereichsrat dies lediglich empfehlen. Klingt schwach? Fanden wir auch. Wir haben die Forderung deswegen (wie schon im Ursprungsantrag) dahingehend ergänzt, auch die Form der Offenlegung zu empfehlen – nämlich in einer zweiten Folie der Präsentation. Und wenn es keine Präsentation gibt, dann eben mündlich. So, wie es in den USA dank der „2nd Slide Campaign“ der AMSA (quasi die amerikanische bvmd) vielerorts schon umgesetzt wird.

Eine Empfehlung (nicht mehr!), mit konkreten Maßnahmen mehr Transparenz beispielsweise in die Beziehung zwischen Industrie und Lehrenden zu bringen – da kann ja wohl kaum jemand etwas dagegen haben, denkst du? Irrtum.

Die Gegenargumente richteten sich primär gegen die vorgeschlagene Art der Offenlegung – wir sollten doch ganz auf eine Vorgabe diesbezüglich verzichten. Dozenten könnten selbst einschätzen, wann Studierende über einen Interessenkonflikt informiert werden sollten und dies dann in der Vorlesung ansprechen (man merkt: „Eminence based medicine“ könnte wieder ein Trend werden 😉 ). Es wurde aber auch angemerkt, dass Lehrende in dieser Frage generell keine Rechenschaft schuldig seien.

Warum halten wir die 2nd-Slide-Variante für sinnvoll?

  • Einheitlichkeit – Dozenten wissen, was von ihnen erwartet wird. Und wir Studierende erfahren zu Beginn einer Lehrveranstaltung von möglichen Interessenkonflikten – dann, wenn es inhaltlich am sinnvollsten ist. Und nicht erst irgendwann mittendrin, falls der Dozent sich gerade erinnert. Oder eben auch nicht erinnert. Wird das Thema in einer Vorlesung nicht angesprochen, bleibt die Frage offen: Kein Konflikt vorhanden – oder nur kein Konflikt angegeben?
  • Effektivität – Wie effektiv diese Maßnahme hätte sein können, können wir nur mutmaßen. Eins steht jedoch fest: Eine reine Empfehlung, ohne jegliche Vorgaben zur Art der Offenlegung, kann man abheften und vergessen. Der Fachbereichsrat hat bereits 2005 eine entsprechende Empfehlung beschlossen, auch wenn sich diese nicht explizit an Lehrende richtete. Uns als Fachschaft ist kein einziger Fall bekannt, bei dem ein Dozent seitdem in einer Lehrveranstaltung einen Interessenkonflikt benannt hätte. Dass dies der wirklichen Zahl an Interessenkonflikten (=Null) entspricht, ist – mit Verlaub – nicht realistisch. Man muss sich hierzu auch nochmal ins Gedächtnis rufen, dass ein Interessenkonflikt keinerlei Absicht auf Seiten des Dozenten voraussetzt – es geht hier keinesfalls um „Jetzt werd ich meinen Studenten mal schön was über die Vorteile von Ramalimuximab erzählen, obwohl ich weiß, dass es nix taugt.“, sondern um eine mögliche unterbewusste Beeinflussung des Dozenten.
  • Wer beurteilt hier wen? – Das generelle Prinzip im Umgang mit Interessenkonflikten ist etabliert: Jeder Konflikt (in unserem Fall bezogen auf die aktuelle Lehrveranstaltung) wird offengelegt – und das Publikum kann selbst entscheiden, wie viel Bedeutung es diesem beimisst. Fehlende Richtlinien führen dagegen dazu, dass der Dozent (wenn überhaupt) nur Interessenkonflikte angibt, die ihm selbst problematisch scheinen – und das sind im Zweifelsfall die wenigsten. Warum? Auch hier liegt in der Regel weder böse Absicht noch Korruption vor: Mehrere Studien haben gezeigt: Wir Menschen (und konkret sogar: Ärzte) sind einfach besch…eiden darin, unsere eigene Beeinflussbarkeit einzuschätzen – wir kommen dabei chronisch zu gut weg.12

Wie geht’s weiter?

Basisarbeit! Wie sowieso schon in Planung, möchten wir euch (und alle interessierten Dozenten) mit genug Infos versorgen, damit ihr euch selber eine Meinung zu dem Thema bilden könnt. Letztlich streben wir an, dass die Problematik von Interessenkonflikten mehr im Bewusstsein von uns Studierenden und den Lehrenden landet – und da führen vermutlich auch ohne den Fachbereichsrat noch einige Wege mehr zum Ziel; bei uns in Münster, aber auch auf Bundesebene. Mehr erfahrt ihr in Kürze!
Schreibt uns per Mail eure Meinungen und Vorschläge!

Quellen: Der Artikel verweist auf einige Studien und Fachartikel. Den Volltext der verlinkten Artikel könnt ihr abrufen, wenn ihr euch im Netzwerk der Universität befindet oder über den VPN-Tunnel des ZIV darauf zugreift.

  1. Steinman MA, Shlipak MG, McPhee SJ. Of principles and pens: attitudes and practices of medicine housestaff toward pharmaceutical industry promotions. Am J Med. 2001 May;110(7):551-7 []
  2. McKinney WP, Schiedermayer DL, Lurie N, Simpson DE, Goodman JL, Rich EC. Attitudes of internal medicine faculty and residents toward professional interaction with pharmaceutical sales representatives. JAMA. 1990 Oct 3;264(13):1693-7 []