Das Bild der Welt im Kopf

Kategorien: Sonstige.

Titel: Das Bild der Welt im Kopf (1. Auflage)
Autor: Valentin Braitenberg
Verlag: Schattauer
Preis: 14,95 EUR
Seitenzahl: 211
ISBN: 9783794527113
Bewertung:

Inhalt

Zunächst einmal: Dies ist kein Lehrbuch. Hier gibt es nichts zu holen für Kreuzkönige und Testattriathleten. Braitenberg gewährt dem Leser Einblick in seine Gedankenwelt. Warum er das tut erklärt er im ersten Kapitel: Er mag das Denken an sich und die gedachten Gedanken zu teilen.Warum man das also lesen soll? Folgendes steht drin.Kapitel 1 – In eigener Sache: Braitenberg beginnt sein Buch, indem er sich und sein Wesen vorstellt, das durch die Lust am Verstehen gekennzeichnet ist(eine Lust von der sich der Medizinstudent früher oder später, aktiv oder passiv entfremdet). Was ihn bewegt ist die eine Frage: „Wie kann ein Mensch als winziges Produkt einer gewaltigen Natur, die Gesetze eben dieser Natur in sich erfassen?“ Und schon ist die Brücke zur Neurophysiologie geschlagen. Um das Bild seiner selbst aber noch schärfer zu zeichnen und den Leser wirklich wissen zu lassen, auf wessen Geist er sich hier einzulassen im Begriff ist, stellt er seine ideelle Gesellschaftsform vor. Dieser Abschnitt ist gekennzeichnet durch einen eindrucksvollen Wissenschaftsfanatismus, den er aber mit der angemessenen philosophischen Distanz ausführt. Doch allein die Utopie dieser Gesellschaft und die Dreistigkeit diese Gedanken zu Papier zu bringen sind die Anschaffung des Buches wert.Kapitel 2 – Der Blick nach innen: Der Blick nach innen fördert erstaunliches zu Tage. In Braitenbergs Innerem tobt sich ein Philosoph aus. Dieser Philosoph nimmt den Leser an die Hand, um ihm zu erklären, was ein Wunder ist, wie einfach Physik zu erklären ist(er demonstriert das) und wie man eine Emotion beim Namen nennt.Kapitel 3 – Der Blick in den Kristall: Der Kristall steht stellvertretend für die ganze Physik – zumindest die ganze von Braitenberg als wichtig für das Verständnis der folgenden Kapitel erachtete Physik. Diese so abstrakte Physik bildet er in seinen Meditationen sehr verständlich ab. Meditation bedeutet für ihn nichts weiter als deduktive und induktive Hirnakrobatik zum Verstehen von Sachverhalten, über die er einige Dinge weiß, von denen er aber nicht alles naturwissenschaftlich nachvollzogen hat.Kapitel 4 – Lebewesen: Um dem Hirn allmählich näher zu kommen, seziert er in diesem Kapitel vornehmlich den Begriff der Information. Wie viel ihm dieser wirklich bedeutet kann kaum überschätzt werden. Doch dem Mediziner macht er spätestens dann verständlich, worum es ihm geht, wenn dieser die DNA im Text entdeckt und sich endlich auf sicherem Terrain wähnt, von dem er doch ein wenig Ahnung hat. Oder? Naja, wenn forsch die genetische Verwandtschaft unter Tieren als unwichtig und nur die Morphologie zum gültigen Klassifikationsmerkmal erklärt wird, schlackert man schon mal mit Ohren und Hirnwindungen. Informationen in verschiedensten „Speicherformen“ und Ausprägungen sind die Grundlage, der Lebensinhalt und der Existenzgrund von Lebewesen. Warum, wird im Buch erklärt.Kapitel 5 – Das Gehirn: Ebenbild der Welt: Hier kann der Mediziner endlich schneller lesen. Neurophysiologie, Neuroanatomie, Axone, Dendriten, Aktionspotenziale, Reize, Transmitter – wie zuhause in meinen Büchern… Aber weil der Autor selbst Forscher auf diesem Gebiet ist, kennt er sich im Hirn auch aus wie in seiner Westentasche. Aber im Gegensatz zu allzu wissenschaftlichen Texten über das Nervensystem, an die wir uns ja intensiv gewöhnt wurden(ich habe mich nicht verschrieben), wird hier das tiefe Verständnis des Autors deutlich UND weitergegeben.Kapitel 6 – Gebrauch des Gehirns: Denken, Handeln, Logik, Sprache – dazu wird das Hirn gebraucht. Hier wird ausgeführt inwiefern dem so ist und inwiefern es gegenseitige Abhängigkeiten von Gehirn und jeweiligem oben genannten Produkt gibt. Die im Vorbeigehen fallen gelassenen Erklärungen, warum man in gewohnten Bahnen denkt, warum es so schwer ist aus diesen Bahnen heraus zu kommen, warum selbst eindeutige eben wahrgenommene Sinneseindrücke dabei nicht immer zu helfen vermögen, hätte man sich auch selbst ausdenken können, weil sie so einfach sind. Oder eben nicht…, weil sie so einfach sind. Dem philosophisch vorgebildeten Leser wird denn auch bekannt vorkommen, dass Handeln nur die Anpassung der Realität an unsere Idealvorstellung ist. Doch die neurophysiologische Erklärung, wie das Gehirn die Zukunft antizipiert und was das mit der fehlerhaften Wahrnehmung an uns gerichteter Worte zu tun hat, ist wiederum keineswegs philosophisch hochgestochen, sondern schlicht und einfach – und plastisch erklärt;-)Kapitel 7 – Ästhetik: Über Geschmack kann man streiten. Ebenso über die Gedanken des Autors die Schönheit der Partnerin und des Haustieres mit den gleichen Nervenzellen und Synapsen zu erklären. Und ob Witze wirklich nur dem Erwerb gesellschaftlicher Anerkennung für Geistreichtum dienen? Das zu glauben oder dem Geglaubten dann Bedeutung beizumessen entscheide wieder jeder für sich…Zu guter Letzt hatte der Mann wirklich so viel Spaß dieses Buches zu schreiben, dass er am Ende noch eine unendliche Geschichte daraus gemacht hat.

Didaktik

Denkt mal wieder in anderen Bahnen! Lasst euch von Braitenberg dazu inspirieren! Freut euch über eure freien Gedanken!Dies ist, was er erreichen möchte. Dazu über Gott und die Welt zu schreiben ist ein interessanter didaktischer Ansatz. Im Falle des Rezensenten war er erfolgreich.

Preis/Leistung und Fazit

So viel Spaß für wenig Geld. Und dann auch noch am Gehirn, das wir so ungern gelernt haben. Der Einblick in die Welt im Kopf eines Menschen, der das Denken kultiviert hat, ist gelungen. Und das auf keineswegs trockene Art. Braitenberg lässt in seine Ausführungen immer wieder Witze von einem Haufen Allgemeinbildung (wo nimmt der Mann nur als Mediziner die Zeit dazu her?) einfließen, die sich teilweise nur den in die jeweilige Materie eingeweihten (Musiker, Neurologen, Biologen, Grabredner) vollständig erschließen, aber den geneigten Leser neugierig werden und schmunzeln lassen.Die Fähigkeit des Autors die Begeisterung am Denken und Verstehen zu vermitteln, lässt sich hoffentlich in den vergangenen Zeilen ablesen. Also: Lesen und mal umschalten statt abschalten!