Medizin – Zwang – Gesellschaft

Kategorien: Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin.

Titel: Medizin – Zwang – Gesellschaft (1. Auflage)
Autor: Jean-Philippe Ernst (Herausgeber), Mareike Kehl (Herausgeber), Michaela Thal (Herausgeber), Dominik Groß (Herausgeber)
Verlag: Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft
Preis: 29,95 EUR
Seitenzahl: 176
ISBN: 978-3941468795
Bewertung:

Inhalt

Das vorliegende Buch „Medizin Zwang Gesellschaft“ hrsg. von J.-P. Ernst, M. Kehl, M. Thal und D. Groß entstand auf Basis eines Workshops im Jahre 2010 zu diesem Thema an der RWTH Aachen.  Es setzt sich aus mehreren Beiträgen der Herausgeber aber auch anderer Autoren zusammen, die Wechselwirkungen von Zwang mit und innerhalb der Medizin und der Gesellschaft in unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten.

Dabei wollen die Herausgeber ein möglichst breites Spektrum an bieten, denn die Kontexte in denen Zwang in der Medizin wirken sind zahlreich.

Jeder Essay beschäftigt sich mit einem anderen Schwerpunkt. Aufeinander beziehen tun sich die Texte nur in Hinblick auf das Workshopthema.

Dennoch wird eine grobe Gliederung in drei Teile vorgenommen.

Im ersten Teil wird versucht, sich von philosophischer Seite dem Zwang in der Medizin zu nähern. Ein Text fasst dieses Thema sehr allgemein und gibt einen Überblick, ein anderes beschäftigt sich mit der „Ontologie der Macht, Gerechtigkeit und Liebe“ in der Philosophie von Paul Tillich.

Der zweite Teil zweigt psychatrische Aspekte des Zwangs in der Medizin auf. In einem Essay wird herausgearbeitet, wo sich in den Sprechakten praktizierender Ärzte Zwang verstecken kann. In einem weiteren Text diskutiert man die Möglichkeit einer psychiatrischen Patientenverfügung.

Der dritte Teil beleuchtet historische, Kulturelle und politische Aspekte stärker.

Dabei geht es um eugenische Zwangseingriffe und um das Leben als Behinderter in Deutschland. Außerdem gibt es einen Text, der sein Augenmerk auf die Rolle der Heilberufler bei Asylanträgen und dem daraus resultierenden Spannungsfeld zwischen den Ärzten und den Antragsstellern sowie den Ärzten und dem Staat legt.

Der letzte Artikel geht auf das Verfahren der Zwangsernährung ein.

Das Buch ist in der medizinisch Wissenschaftlichen Verlagsgesellschaft erschienen als Auskopplung aus der „Schriftreihe Humandiskurs,“ die sich im Sinne des Querschnittsbereichs – Geschichte, Theorie, Ethik der Medizin – mit kontrovers diskutierten Fragestellungen wie z.B. dem Zwangsbegriff auseinandersetzt.

Didaktik

Die einzelnen Texte sind, obwohl von unterschiedlichen Autoren sprachlich schön ausformuliert und lassen sich gut lesen.

Obwohl es sich bei dem Buch nicht um ein Lehrbuch handelt, da das Thema in unserem Curriculum wenn überhaupt eine Randstellung einnimmt, so bietet es doch eine gute Möglichkeit für Interessierte sich einen Überblick zu verschaffen. Die Sprache ist an manchen Stellen eher philosophisch als medizinisch fachterminologisch geprägt, weshalb man als Medizinstudent vielleicht ein paar Sätze mehrfach lesen muss, andererseits gibt es dazu wohl kaum eine Alternative. Die Sprache einfacher zu gestalten würde bedeuten sie ihrer Inhaltstiefe zu berauben.

Gleiches gilt für Bilder, die in einem solchen Buch wohl eher unangebracht sind und demnach fehlen.

Preis/Leistung und Fazit

Natürlich beschäftigt sich dieses Buch mit einem Randthema, mit dem man als Medizinstudent kaum konfrontiert wird. Ob das gut oder schlecht ist, steht auf einem anderen Blatt.

Als Lehrbuch taugt es sicher wenig, denn für welche Klausur sollte es einem schon nutzen.

Für den interessierten Studenten allerdings, der mal ein wenig über den Tellerrand schauen will, ist die Schriftreihe Humandiskurs im Allgemeinen und dieses Büchlein hier im Besonderen eine Fundgrube für neue Eindrücke. Die einzelnen Essays sind nicht zu lang und lassen sich auch nebenbei recht gut lesen. Das kleine und leichte Format des Buches lädt zum Mitnehmen ein und taugt als intellektuell anspruchsvolle Lektüre auf längeren Zugfahrten.