Psychosomatische Medizin- Theoretische Modelle und klinische Praxis

Kategorien: Psychiatrie/ Psychosomatik und Sonstige.

Titel: Psychosomatische Medizin- Theoretische Modelle und klinische Praxis (7. Auflage)
Autor: Thure von Uexküll
Verlag: Elsevier
Preis: 176 EUR
Seitenzahl: 1352
ISBN: 9783437218316
Bewertung:

Inhalt

Das Lehrbuch- Psychosomatische Medizin- Theoretische Modelle und klinische Praxis von Uexküll, erschienen im Elsevier Verlag, 7. Auflage aus dem Jahr 2011 umfasst insgesamt 1352 Seiten, untergliedert in 9 große Kapitel, die wiederum in insgesamt 108 Unterpunkte geglieder werden.

I: Theoretische Grundlagen.

1.Integrierte Medizin als Gesamtkonzept der Heilkunde: ein bio-psycho-soziales Modell:In diesem Bereich werden zunächst einmal die theoretischen Grundlagen und die Herkunft der psychosomatischen Medizin erläutert, und warum sich dieser Bereich zwischen Medizin und Psychologie als eigenständige Fachrichtung der Medizin herausgebildet hat, und warum sie immer notwendiger wird. Kurz, hier wird das bio-psycho-soziale Modell, das als Grundlage der psychosomatischen Medizin gilt, vorgestellt und erläutert.

II: Biologische Grundlagen der Anpassung und ihre Entwicklung

2. EinführungHier geht es um die Erläuterung der Anpassungsreaktionen des menschlichen Körpers auf äußere Reize, die im Normalfall für eine besseren Anpassung an die Umwelt und für die Bewältigung von Herausforderungen („Coping“) sorgen, im Extremfall, bei Überstimulation oder über längeren Zeitraum, inadäquate Reaktionen hervorrufen, sprich Krankheiten erzeugen können. Genauer wird hier auf das Stress/Distress-Schema, Passung und Passungsverlust, die „Frühgeburtlichkeit als Paradigma problematischer Subjekt-Umwelt-Interaktion und -Differenzierung“, und die Problematik der Anpassungsreaktionen an chronische Krankheiten.

3: Genetik:Hier wird die in der Geschichte der Psychologie und der psychischen Krankheiten sehr häufig diskutierte Frage der Anlage/Umwelt Debatte aufgegriffen, allerdings nicht nur mit den klassischen Argumenten, sondern auch gestützt auf den neueren Erkenntnissen der Epigenetik. Aber natürlich geht es hier auch weiterhin um die „Genetik der sog. Psychogenen Erkrankungen“ Hier werden die möglichen Auswirkungen genetischer Anlagen auf die Psyche, bzw. auf Krankheiten erörtert, hauptsächlich dreht es sich hier allerdings um die Methoden der genetischen Untersuchungen.

4: NeurobiologieIm vierten Kapitel geht es, wie der Name schon sagt, um die neurobiologischen Grundlagen, die der Mensch so mitbringt, sprich, Grundlagen wie die Entwicklung und anatomische Basics des Gehirns, und die Forschungsmethoden um Hirnfunktionen zu testen, von einfachen Merübungen bis hin zu bildgebenden Verfahren. Außerdem werden neurobiologische Modelle, wie z.B. über die Entstehung von Emotionen, das Lernen oder des Selbsterlebens, außerdem die Neurobiologie sozialer Beziehungen, und, was für ein klinisches und eben nicht theoretisches Lehrbuch besonders interessant ist, die Relevanz eben dieser Grundlagen für die psychosomatische Medizin und die Psychotherapie.

5.: PsychoneuroendokrinologieHier geht es um eine der wichtigsten Schnittstellen zwischen emotionalen Prozessen und deren Somatisierung: Hormone. Neuroendokrine Prozesse unterliegen höchst variablen Faktoren, wie z.B. Alter, Geschlecht, aber auch Psychischen- oder Umwelteinflüssen. Und genau dieses komplexe Zusammenspiel dieser interindividuell äußerst verschieden geprägten Einflüsse, und die Bidirektionalität der Einflüsse von Psyche auf Körper, bzw. Körper auf Psyche durch hormonelle Veränderungen soll hier erläutert werden. Dafür werden neben ein paar Grundlagen zur Endokrinologie die wichtigsten neuroendokrinen Verbindungen und deren Einflüsse auf das psychische und physische Erleben erläutert.

6.: Psychoneuroimmunologie:Hier geht es darum, wie psychische Prozesse sich auf das Immunsystem auswirken können, der Zusammenhang zur Somatisierung dürfte klar sein. Was hier noch ganz interessant ist, ist der Abschluss des Kapitels, in dem die zuvor vorgestellten Studien noch einmal kritisch reflektiert werden- keine Selbstverständlichkeit für ein so spezialisiertes Lehrbuch.

7.: Psychophysiologie:Eine der absoluten Grundlagen der Psychologie: die ersten Versuche, psychische Prozesse messbar, und damit wissenschaftlich untersuchbar zu machen. Also objektive physiologische Veränderungen, wie z.B. die Erhöhung der Herzfrequenz auf Stressreize.

III Psychologische Grundlagen der Anpassung und ihre Entwicklung

Analog zu den in II detailliert aufgeführten biologischen Grundlagen der psychosomatischen Medizin, werden hier noch die psychologischen Grundlagen in den Unterpunkten 8-20 geschildert. Darunter fallen natürlich neben einer ausführlichen Einleitung Themen wie: Psychoanalyse und Psychosomatik, Bindungstheorien, lernpsychologische Grundlagen, Entwicklungspsychologie der Kindheit, der Jugend, und des Alters, Körpererleben, Emotionen und Schmerz, kurz, so ziemlich alles, was man sich vorstellen kann.

IV Soziale Grundlagen von Anpassung und Entwicklung

Um das bei den theoretischen Grundlagen vorgestellte bio-psycho-soziale Modell zu vervollständigen, fehlt natürlich hier noch die Aufschlüsselung der sozialen Einflüsse. Dies wird in den Unterpunkten 21-25 ergänzt. Darunter fallen zum Beispiel Themen wie „Soziale Umwelt und ihr Einfluss auf Gesundheit und Wohlbefinden von Säugetieren“, Migration und Krankheit, Gender oder Arbeit, Gesundheit und Krankheit.

V: Diagnostik:

Nach diesen ganzen theoretischen Grundlagen der psychosomatischen Medizin beginnt nun mit der Diagnostik der wirkliche klinische Teil. Dieser Teil umfasst die Unterpunkte 26-30. Der Einstieg geschieht über eine kritische Stellungnahme zu ICD-10 und DSM-IV. Weiterhin werden verschiedene diagnostische Möglichkeiten der Psychosomatik. Wie zum Beispiel das Arzt-Patienten-Gespräch oder psychologische Testverfahren.

VI: Therapie:

Hier, in den Unterpunkten 31-43 geht es um die Therapiemöglichkeiten psychosomatischer Erkrankungen. Angefangen wird bei Früherkennung und Prävention, weiter mit Indikationen zur Psychotherapie, und über allgemeine Pinzipien der Psychotherapie zu speziellere Therapieverfahren wie zum Beispiel Kognitiv-verhaltenstherapeutisch orientierte Therapieverfahren, Systemische Therapie, Kreativtherapie, Placebo-Nocebo und Psychotherapie und Pharmakotherapie. Aber auch auf Ergebnisforschung in Psychotherapie und Psychosomatik.

VII: Institutionalisierung

Wie die Psychosomatik in klinischen Institutionen verankert sein kann, wird hier in den Unterpunkten 44-52 vorgestellt, von der Verankerung in Allgemeinmedizinischen Praxen, über Selbsthilfegruppen bis zur stationären Psychosomatik.

VIII: Klinik

Hier, in den Unterpunkten 53 bis 103 werden die einzelnen klassischen psychosomatischen Krankheitsbilder genauer vorgestellt. Der Aufbau dieser Punkte kurz am Beispiel der Anorexia nervosa: zunächst der Hintergrund: „was für eine Krankheit ist eigentlich die Anorexia nervosa?“Dann folgt die klinische Definition und Klassifikation, die Epidemiologie, die Symptomatik, Ätiologische und pathogenetische Konzepte, die Diagnostik und die Therapie, außerdem Verlauf und Prognose.

IX: Aus-, Fort-, und Weiterbildung

Hier wird, in den letzten Unterpunkten 104 bis 108 relativ kurz auf die Lehre in der Psychosomatik und die Ausbildungsmöglichkeiten von Ärzten und Psychologen.

Didaktik

Dieses Lehrbuch weist eine sehr klare und logische Struktur auf. Zunächst werden alle notwendigen medizinischen und psychologischen Grundlagen ausführlichst dargelegt, was für ein Lehrbuch einer Fachrichtung, die eine Überschneidung verschiedener Fachbereiche bildet, sehr sinnvoll ist.

Auch die einzelnen Krankheitsbilder werden sehr detailliert und verständlich dargestellt. Die Texte lassen sich auch für nicht Fachexperten flüssig lesen, so dass nach einmaliger Lektüre nur noch wenige Fragen offen bleiben.

Untermauert sind die einzelnen Krankheitsbilder durch anschauliche Fallbeispiele. Man merkt, dass die Autoren selber große klinische Erfahrung mitbringen, und wissen, wovon sie schreiben.

Auch Informationen über die Institutionalisierung der Psychosomatik, ICD-10 Codierung oder Qualitätssicherung sind zwar primär nicht die Dinge, für die man sich beim Lernen interessiert, aber später für den klinischen Alltag oder die Forschung wichtig sein können.

Natürlich ist dieses Lehrbuch insgesamt sehr umfangreich, und wohl nicht unbedingt zum kurzfristigen Vorbereiten auf Klausuren geeignet, da es sich natürlich nicht auf die wesentlichsten Punkte beschränkt.

Preis/Leistung und Fazit

Mit 176€ ist dieses Buch selbstverständlich ein sehr Teures. Es kommt wohl eher nicht unbedingt als reines Lehrbuch für eine einzige Klausur in Frage. Sollte man sich allerdings ernsthaft für die Psychosomatik oder medizinische Psychotherapie interessieren, gehört dieses Lehrbuch sicherlich zu den Standartwerken.

Aber auch hier gilt natürlich wie bei allen anderen Lehrbüchern, Lernen ist typsache, und jeder sollte für sich selbst einmal in ein Lehrbuch reingeschaut haben, gerade wenn es sich um so ein teures, aber auch zweifelsfrei gutes, Lehrbuch handelt.